Was wirkt stärker: Extrakt, Tinktur oder Tee?

In diesem Beitrag wollen wir euch die Fähigkeit vermitteln, wie ihr pflanzliche Produkte ob Extrakt, Tinktur oder Tee miteinander vergleichen könnt. Denn nur mit dem Vergleich könnt ihr wirksame und unwirksame Präparate voneinander unterscheiden.

Bei den unzähligen pflanzlichen Präparaten am Markt – ob Kapseln mit einem Extrakt, selbstgemachte Tinkturen oder Tees – (das gilt auch für selbst hergestellte Zubereitungen) gibt es massive Unterschiede in der Konzentration. Dementsprechend ist ein Vergleich vorhandener Präparate und Zubereitung essentiell, um die „wirksameren“ von den „unwirksameren“ unterscheiden zu können.

Das Drogen-Extrakt-Verhältnis (DEV)
Das Drogen-Extrakt-Verhältnis, kurz DEV, beschreibt wieviel pflanzliches Ausgangsmaterial für das letztendliche Produkt verwendet wurde. Wurde 1 g Pflanzenmaterial in 1 ml (entspricht ca. 1 g) Lösung angesetzt so beträgt das DEV 1:1, wurden 5 g mit 1 ml Lösung ausgezogen wäre das Verhältnis also 5:1. Wurden 1 g Pflanzenmaterial mit 10 ml Lösung (Tinktur) angesetzt, so beträgt das Verhältnis 1:10.
Sobald man einen Extrakt oder eine Tinktur vor sich hat, ist das DEV essentiell, um zu beurteilen wie konzentriert das Produkt eigentlich ist. Ohne das DEV kann man zwei Produkte nicht miteinander vergleichen.
Tinkturen die man im Allgemeinen 1:5 oder 1:10 ansetzt – also 1 Teil Pflanzenmaterial und 5 Teile bzw. 10 Teile Alkohol – sind Verdünnungen des Pflanzenmaterials. Je höher der Wert auf der rechten Seite, desto mehr Lösungsmittel wurde für die 1 g Pflanzenmaterial verwendet, dementsprechend verdünnter ist das Produkt. Eine Tinktur 1:5 ist also stärker konzentriert, als eine Tinktur 1:10.
Rechnet man sich hier die jeweilige Menge an Pflanzenmaterial aus – also die Konzentration, die in einer bestimmten Menge Tinktur steckt – muss man folglich die Ausgangsmenge dividieren.

Beispiel (Hier rechnen wir mit Milligramm, weil dies die Unterschiede anschaulicher darstellt): In 30 Tropfen (das entspricht ca. 1 g, also 1000 mg) Tinktur (angesetzt im Verhältnis 1:5) stecken (1000 dividiert durch 5) also 200 mg Pflanzenmaterial.
Bei selbst zubereiteten Präparaten kann man Auszüge meist maximal bis 1:1 herstellen. Denn im Hausgebrauch lässt sich das Pflanzenmaterial nur als Ölauszug, Tinktur, Weinauszug, Essigauszug, Tee, Abkochung oder Mazerat herstellen und hier sind in diesem Bereich nun mal Grenzen gesetzt.
Hat man die Möglichkeit das Lösungsmittel nach dem Extraktionsprozess ganz oder teilweise abzudampfen (dies geschieht beispielsweise in Labors oder bei industrieller Herstellung von Extrakten), lassen sich konzentriertere Extrakte ab 1:1 herstellen.
Fluidextrakte (1:1 oder 2:1), Dickextrakte (2:1 bis 3:1) oder Trockenextrakte (meist ab 4:1) sind folglich Anreicherungen des Pflanzenmaterials. Dies erreicht man, indem das Lösungsmittel nach dem Auszugsprozess abgedampft wird – also verschwindet. Dies passiert unter Vakuum und bei niedrigen Temperaturen, ist also nicht durch Abkochung im Hausgebrauch möglich, denn hier würde das Pflanzenmaterial zu sehr darunter leiden und wesentliche Wirkstoffe ebenfalls verschwinden.

Beim Trockenextrakt wird das ursprüngliche Lösungsmittel vollständig abgedampft, dadurch sind außer Alkohol auch andere Auszugsmittel wie Methanol, Isopropanol, Ammoniak usw. möglich. Es lassen sich dadurch auch Spezialextrakte herstellen, die durch unterschiedliche Lösungsmittel und mehrstufige Extraktionen gewonnen werden können. Es gibt sogar Extrakte, wie das Ginkgoextrakt, die auf mehr als 60:1 aufkonzentriert werden. Rechnet man sich bei einem Extrakt der mindestens 1:1 zubereitet wurde, die ursprüngliche Pflanzenmenge (Konzentration) aus, muss man den Ausgangswert folglich multiplizieren.
Beispiel: In 100 mg eines Trockenextraktes (DEV 6:1) stecken (100 mg x 6) also 600 mg Pflanzenmaterial.

Hier könnt ihr selbst testen welches Präparat am meisten von der ursprünglichen Pflanze enthält:
Beispiel 1:
Produkt A: Enthält 60 mg eines Trockenextraktes (DEV 5:1)
Produkt B: Enthält 200 mg eines Trockenextraktes (DEV 2:1)
Produkt C: Enthält 150 mg eines Trockenextraktes (DEV 3:1)
Welches ist das Stärkste? (Lösung mit Rechnung am Ende des Beitrages)

Beispiel 2:
Produkt A: Eine Tablette enthält 400 mg eines Trockenextraktes (DEV 4:1)
Produkt B: Von einer Tinktur (angesetzt im Verhältnis 1:5, also DEV 1:5) werden als Einzeldosis 30 Tropfen empfohlen (das sind ca. 1 g, also 1000 mg)
Welche Einzeldosis enthält mehr der ursprünglichen Pflanze? (Lösung mit Rechnung am Ende des Beitrages)

Ein Vergleich zahlt sich aus!
Ohne die Kenntnis und das Umrechnen vom DEV auf die tatsächliche Konzentration, kann man zwei pflanzliche Präparate nicht vergleichen. Vielen Herstellern kommt es natürlich zu Gute, dass in der Bevölkerung diese Tatsache nahezu unbekannt ist, unterscheiden sich Präparate doch teilweise um das 20-fache und mehr voneinander. Vielfach ist es nämlich rentabler, statt eines ordentlichen Produktes auf den Markt zu bringen einfach mehr in Werbung zu investieren. Der Konsument rechnet den qualitativen Unterschied – sofern er sich überhaupt erkennen lässt – in den allermeisten Fällen wohl sowieso nicht aus.
Problematisch ist, dass Nahrungsergänzungsmittel im Gegensatz zu zugelassenen pflanzlichen Arzneimitteln keine verpflichtende Angaben zum DEV enthalten müssen. Daher ist der Vergleich zwischen Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimitteln oft sehr schwierig. Denn gerade bei den Highlights aus der Pflanzenheilkunde wie Ginkgo, Johanniskraut, Mariendistel, Artischocke, Kürbis, Baldrian, Passionsblume, Lavendel, Pfefferminze, Kümmel u.v.w. gibt es am Markt sowohl Arznei-, als auch Nahrungsergänzungsmittel. Hat man die Möglichkeit von einer Heilpflanze ein Arzneimittel zu bekommen, würden wir euch jedenfalls anraten dies einem Nahrungsergänzungsmittel vorzuziehen (Warum beschreiben wir euch in einem nächsten Beitrag).
Und dem Konsumenten wird der Vergleich mitunter noch weiter erschwert. So geben manche Hersteller bei der enthaltenen Tagesdosierung nicht die Menge an, die in einer Kapsel enthalten ist (wie dies bei Arzneimittel gehandhabt wird), sondern die Menge die in der jeweiligen Tagesmenge (das können 1 oder auch mehr Kapseln sein) an. Letztlich wird dem Konsumenten dadurch ein Vergleich erschwert, weil man erst vorher auf die einzelne Kapseln/Dragee zurückrechnen muss, um eine Vergleichbarkeit zu ermöglichen.
Zusätzlich wird häufig das DEV nicht genau angegeben. Auf diese Weise wird ein Vergleich nahezu unmöglich gemacht, da es sich um einen Extrakt 1:1, 5:1 oder beispielsweise 10:1 oder mehr handeln kann. Wir würden hier für eine sehr vorsichtige Rechnung im unteren Bereich tendieren, einen angereicherten, hochwertigen Extrakt würde ein Hersteller wohl auch genauer angeben.
Zusätzliche Unsicherheitsfaktoren sind nicht vorhandene Informationen über die Qualität des Extraktes. Denn je nach Erntezeitpunkt/-ort, Überprüfung auf Pestizide bzw. Schwermetalle, Prüfzertifikat über das Vorhandensein bestimmter Wirkstoffe, Anbau im biologischen Landbau, Wahl des Auszugsmittel für den Extrakt oder Lagerung/Verarbeitung des Extraktes gibt es letztlich viele Informationen die letztlich eine Aussage über die Qualität erlauben würden, am Produkt aber meist fehlen.

Unterschied Pflanzenpulver und Extrakt
Manche Hersteller verzichten sogar gänzlich auf Extrakte und geben nur gepulvertes Pflanzenmaterial in die Kapsel/Dragees. Man kann natürlich nicht generell behaupten, dass ein Pflanzenpulver einem Extrakt unterlegen ist, allerdings bedarf es vom Pflanzenpulver dann einer entsprechenden Menge um wirksam zu sein. Denn im Pflanzenpulver sind neben den potentiellen Wirkstoffen auch zahlreiche unlösliche und damit unbrauchbare Stoffe, wie Zellulose enthalten. In einem Extrakt sind diese unlöslichen Bestandteile jedenfalls bereits abgesondert. Ein Pflanzenpulver im unteren zweistelligen Milligrammbereich, wie sich manche Hersteller erdreisten, in ein Produkt zu geben, ist jedenfalls in höchstem Maße unseriös. Denn nur zum Vergleich: bereitet man einen Tee verwendet man pro Tasse ca. 1500 mg Pflanzenmaterial!

Unterschied Tee und Tinktur
Der Vergleich von Tee und Tinktur ist nur bei wasserlöslichen Inhaltsstoffen (z.b. Bitterstoffe, Flavonoide, Saponine, Schleimstoffe) seriös. Denn Inhaltsstoffe die sich im Alkohol besser lösen (z.B. ätherische Öle und Gerbstoffe), finden sich von vornherein eher in der Tinktur, als im Tee wieder. Dadurch wird ein Vergleich bei diesen beiden Wirkstoffgruppen erschwert.
Bei wasserlöslichen Inhaltsstoffgruppen lohnt sich aber folgende Gegenüberstellung: Nehmen wir an, wir machen eine Tinktur (z.B. Löwenzahn, das lässt sich wegen der enthaltenen wasserlöslichen Bitterstoffe gut vergleichen) im Verhältnis 1:5 und einen Tee bei welchen ich 1,5 g Pflanzenmaterial (2 Teelöffel) pro Tasse verwende. Was glaubt ihr: wieviel muss ich von der Tinktur aufnehmen, um die selbe Menge an pflanzlichen Inhaltsstoffen zu erhalten?

Lösung: Die Tinktur wurde 1:5 angesetzt. Ich müsste also um auf die 1500 mg (1,5 g) Pflanzenmaterial pro Tasse Tee zu kommen (1500 mal 5) 7500 mg der Tinktur konsumieren! Das sind ca. 3,5 Schnapsgläser (2 cl eines Schnapsglases entsprechen ungefähr 20 g, also 2000 mg) der Tinktur oder wenn wir davon ausgehen, dass 30 Tropfen ungefähr 1 g entsprechen 225 Tropfen!!
Bei wasserlöslichen Inhaltsstoffen stimmt es also nicht, dass die Tinktur automatisch stärker wirksam sei als ein Tee. Bei Heilpflanzen mit ätherischen Öle (Thymian, Kamille usw.) und Gerbstoffen (Blutwurz, Eiche usw. mit mind. 70% Alkohol ausgezogen) relativiert sich dies allerdings dadurch, dass sich die Wirkstoffe im Alkohol mitunter besser lösen, im Tee dagegen (besonders die ätherischen Öle) nur zum Teil in das Wasser übergehen. Gerade hier machen Tinkturen deshalb trotzdem Sinn.

Die richtige Zubereitungsart für die jeweilige Indikation
Man sollte in der Wahl des richtigen Produktes deshalb mehrere Faktoren einfließen lassen. Denn auch die richtige Zubereitungsart kann das jeweilige Heilmittel in seiner Funktion unterstützen. So entfaltet bereits das warme Wasser eines Tees positive Effekte bei Halsschmerzen, Erkältungen und Husten. Eine bitter schmeckende Pflanze würde als Tablette nur eingeschränkt wirken, da wesentliche Wirkungen über den bitteren Geschmack an Zunge und Gaumen ausgelöst werden. Diese wirken folglich als Tinktur oder Tee intensiver. Und der Zucker im Hustensirup wirkt an sich bereits etwas schleimlösend. Dies und weitere Punkte, die wir euch in einem eigenen Beitrag vermitteln werden, gilt es deshalb ebenfalls zu beachten.

Lösung der oberen Rechenbeispiele:
Lösung Beispiel 1:
Produkt A: Enthält 60 mg eines Trockenextraktes 5:1 (eine Tablette enthält 60 mg mal 5, also 300 mg)
Produkt B: Enthält 200 mg eines Trockenextraktes 2:1 (eine Tablette enthält 200 mg mal 2, also 400 mg)
Produkt C: Enthält 150 mg eines Trockenextraktes 3:1 (eine Tablette enthält 150 mg mal 3, also 450 mg)
Folglich enthält Produkt C am meisten der ursprünglichen Pflanze

Lösung Beispiel 2:
Produkt A: Eine Tablette enthält 400 mg eines Trockenextraktes 4:1 (in einer Tablette stecken 400 mg mal 4, also 1600 mg des ursprünglichen Pflanzenmaterials)
Produkt B: 30 Tropfen (empfohlene Einzeldosierung) sind 1 g (also 1000 mg) einer Tinktur 1:5 (30 Tropfen enthalten 1000 mg dividiert durch 5, also 200 mg des ursprünglichen Pflanzenmaterials)
Folglich enthält Produkt A deutlich mehr der ursprünglichen Pflanze.

Autor: Arnold Achmüller, 3. Februar 2020

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